Die meisten Menschen reden nicht gerne darüber, weil es für sie immer noch ein Tabuthema ist. Das Allgemeine Krankenhaus Viersen hat mit seiner Vortragsveranstaltung „Was tun bei Inkontinenz?“ das Tabu gebrochen und auf Ursachen, Symptome und vor allem erfolgreiche Behandlungsmethoden aufmerksam gemacht. Der Zulauf war so groß, dass zusätzliche Stühle in den Saal gestellt werden mussten.

Die Zahlen, die die leitende Oberärztin der Gynäkologie, Dr. Asuncion Martin Delgado, aufrief, waren ernüchternd: Rund zehn Millionen Menschen sind bundesweit von Inkontinenz betroffen, für 74 Prozent wirkt sich das negativ auf ihren Alltag aus, bei 70 Prozent geht das Selbstwertgefühl verloren und 68 Prozent spüren eine psychische Auswirkung. „Die meisten kennen jede Toilette im Umkreis. Und wenn sie eine sehen, dann läuft es schon“, kennt sie die Nöte der Betroffenen. Die Gynäkologin beleuchtete die Ursachen bei der Frau und weiß, dass nicht immer die Blase das Problem ist. Oft spielen mehrere Faktoren zusammen. Anhand eines Fallbeispiels erklärte die Expertin, dass Östrogenmangel, ein Scheidenvorfall (Vaginaprolaps), eine Blasensenkung und damit ein gequetschter Harnleiter bei der Patientin zu einer sogenannten Überlaufblase führten, die schon kurz nach der Entleerung erneut einen Reiz zum Wasser lassen sendet. Ein permanenter Drang (Dranginkontinenz) sei die Folge. Eine Östrogensalbe, Beckenbodentraining und ein sogenanntes Würfelpessar könnten Abhilfe schaffen. Der Würfel verhindere die Senkung der Blase und damit die Quetschung des Harnleiters. Um für jede Frau individuell eine passgenaue Therapie zu erstellen, sei eine umfangreiche Diagnostik der Schlüssel zu einer erfolgreichen Behandlung und unerlässlich.

Dr. Dietmar Schmitz, leitender Oberarzt der Urologie, erklärte, wie beim Mann eine vergrößerte Prostata die Harnröhre einengen kann und eine Überlaufinkontinenz auslöst. Die diagnostischen Mittel seien für die urologische Untersuchung vergleichbar der Frau. Es sollte ein Miktionstagebuch geführt werden. In einer ambulanten Untersuchung werden eine Blasendruckmessung und eine Restharnbestimmung vorgenommen. Zusätzlich werden beim Mann der Harnstrahl und der Harnröhrendruck gemessen.

Die Behandlungsmethoden staffeln sich ebenfalls in konservativ, medikamentös und operativ. An operativen Maßnahmen sei eine Ausschälung der Prostata oder die Verkleinerung der Vorsteherdrüse durch Wasserdampf besonders effektiv sowie in fortgeschrittenem Stadium einer Harninkontinenz eine künstliche Schließmuskelimplantation, sagt der Oberarzt.

Der Proktologe Johannes Libam, Oberarzt in der Viszeral- und Allgemeinchirurgie, gab einen Überblick über Ursachen und Therapiemöglichkeiten bei Stuhlinkontinenz. Der Proktologe unterscheidet zwischen Dranginkontinenz – den Stuhl durch Muskeltätigkeit nicht zurückhalten zu können, passiver Inkontinenz – den Stuhl unbemerkt zu verlieren, weil die sensorische Funktion gestört ist, und Überlaufinkontinenz. Erstes Ziel der Therapie sei es, den Stuhl einzudicken, damit das sensorische System wieder zu funktionieren lernt. Eine angepasste Ernährung und die sogenannte Biofeedback-Methode, bei der der Patient lernt, den Schließmuskel anzuspannen, gehören zu den Standardtherapien. Auch bei der Stuhlinkontinenz werde eine operative Maßnahme so lange wie möglich hinausgezögert, die Möglichkeiten sind vielfältig.

Die jeweils umfangreiche ambulante Diagnostik, die auch bei der Stuhlinkontinenz einer Therapie vorausgeht, wird von der Krankenkasse bezahlt. Je nach Fachrichtung wird dazu eine Ein- oder Überweisung des Haus- oder Facharztes benötigt. Die Untersuchungen werden in den Sprechstunden der Abteilungen durchgeführt. Termine können telefonisch vereinbart werden.

Urogynäkologische Sprechstunde: Telefon 02162/104-2345
Urologische Sprechstunde: Telefon: 02162/104-9840
Proktologische Sprechstunde: Telefon: 02162/104-9049

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